‹‹‹ Nummer 3 - EXZESS
 
 
Ein Grab in der Luft
André Velter, Übersetzung: Angelika Gross
 
(Der Titel ist ein Zitat aus der Todesfuge von Paul Celan,
einem der bedeutendsten Gedichte des ausklingenden Jahrhunderts. A.V.)
 
Weder habe ich die Worte noch die Sprache
die zugleich tötet und singt
Unter die Nägel geheftet habe ich
keine Gerüchte aus der Kindheit
wie die des aus dem Konvoi gefallenen Waisen
und die man nicht lernen kann
noch dieses an die Stacheldrähte Polens
für immer geklammerte Vermächtnis.
 
Meine Stimme ist nicht rauh genug
nicht erschöpft, nicht löchrig genug
mir bleibt nur das Sprechen, ohne
mich allzu tief aufzuschürfen,
die Kehle ausgetrocknet beim wiederholten Zusammennähen
das Echo des Hammers zum Zerplatzen der Trommelfelle, das Echo
des Schottergerölls, das nicht mehr weiß, ob es
von außen oder von innen die Zähne anschlägt, das Echo
dessen, was am Winkel alter Lippen bläst
bis da kein Mund mehr ist,
wenn man Note um Note die Musik vergessen hat,
Buchstabe um Buchstabe den Sinn des letzten Psalms.
 
Wie kommt es, dass
ohne unheilbar zu sein,
man nicht genesen will?
 
Man kehrt zum Singsang zurück,
der Schweigen zermalmt
und das Rot und das Schwarz
auf den Bildschirmen der Welt.
 
Wo ist dieses Grab in der Luft
das auf Gemarterte wartet
von denen nicht mal mehr der Namen übrig ist,
nicht mal mehr ein Schatten auf der glatten Wand des Himmels?
 
Erhebt sich vom Boden ein grauer Nebel
der die Ferne verhüllt, es ist
Asche oder vielleicht nicht,
ein Morgengrauen, das nicht einmal eine Morgenröte ist,
etwas wie der Staub von Seelen
der steigt und steigt, stockt und näherzieht
mit seinem Rabengeleit.
 
Der Tod ist nicht mehr bloß ein Meister aus Deutschland
so viele Mundarten gibt es jetzt, in denen Bluthunde loslassen
mit den Schlangen spielen, brüllen, dass man das endlose
Massengrab schaufeln und schaufeln muss
so viele Vornamen kommen aus der Hölle
ohne ihre Eurydike aus Rauch
soviel totes Gewicht ist zu tragen
in alle tödlich verletzten Sprachen
zu übersetzen, zu speien
die sagen, dass ein Mann das Haus bewohnt
und er ein Henker ist
nicht bloß ein Meister mit blauen Augen
sondern ein Freischärler aus überall.
 
Wie kommt es, dass
ohne unheilbar zu sein,
man nicht genesen will?
 
Man kehrt zum Singsang zurück,
der Schweigen zermalmt
und Rot und Schwarz
auf den Bildschirmen der Welt.
 
Wo ist dieses Grab in der Luft
wenn bis zum Atemzug fehlt
dass die Unendlichkeit beengt und die Abwesenheit
in einen leeren Rahmen gezwängt ist?
 
Erhebt sich vom Boden ein Schwaden
der keinen Horizont hat, es ist
Schwefel oder vielleicht nicht,
eine Krankheit, die nichts entzündet
etwas wie kaltes Feuer
das steigt und steigt, stockt und heranzieht
mit seiner Galgenwache.
 
Der Stiefel zertritt die Uhr und das Handgelenk,
die Uhrzeit ist dieselbe Sulamith, Margarete,
für alle Meister aus Deutschland
die auf Serbisch oder Chinesisch schnappen
auf Russisch, Türkisch, Englisch, Arabisch, Französisch, Koreanisch,
die Uhrzeit ist dieselbe Leïla, Zering, Marina
für alle Hunde die diesem Grab nachbellen,
das keinen einzigen Namen behält,
keinen einzigen Schatten in einem Lufthauch.
 
Die tödlich verletzten Sprachen sagen, dass ein Mann
das Haus bewohnt und dass er pfeift
über die den Raben vorgeworfenen Körper hinweg
während zum Schaufeln und Schaufeln niemand mehr übrig bleibt.
 
Wie kommt es, dass
ohne unheilbar zu sein,
man nicht genesen will?
 
Man kehrt zum Singsang zurück,
der Schweigen zermalmt
und Rot und Schwarz
auf den Bildschirmen der Welt.
 
Weder habe ich die Worte noch die Sprache
die zugleich tötet und singt
meine Stimme ist nicht rauh genug
nicht erschöpft, nicht löchrig genug
Ein Mann, der einem anderen ähnelt
bewohnt das Haus.
Der Meister aus Deutschland heimst in allen Ländern ein.
Hinter der Kulisse gibt es Leichen ohne Anteil.
Der Tod ist ein von schwarzen Vögeln bedeckter Morast.
 
Wie kommt es, dass
ohne unheilbar zu sein,
man nicht mehr genesen will?
 
Aus einer in die Weichsel geworfenen Flasche
auf dem Weg zur Gaskammer
steigt die Botschaft eines Namenlosen auf
danach tritt Schweigen ein:
 
Bellt das Wort Hund?


Poèmes à dire.
Une anthologie de poésie
contemporaine francophone.
Présentation et choix de Zéno Bianu.
©Gallimard 2002.

 

André Velter: www.andrevelter.com
Angelika Gross: agross@noos.fr

 

   
«und wo es nur noch gilt, Körper zusammenzuraffen, ich meine KÖRPER AUFZUHÄUFEN»
© 2002   das gefrorene meer - la mer gelée